Inzwischen sind es bereits eineinhalb Jahre her, seit der Kraichgau-Fanfarenzug und die Gemeinde Mühlhausen Abschied nehmen mussten vom so plötzlich verstorbenen "Vater des Kraichgau-Fanfarenzugs", Werner Klefenz. Doch in den Herzen der Menschen lebt die Erinnerung an diesen wertvollen Menschen weiter. So war die frisch renovierte Kraichgauhalle bis auf den letzten Platz besetzt, als die Mühlhausener Landsknechte mit ihren traditionellen Instrumenten vor der Bühne Aufstellung nahmen und unter der Stabführung von Volker Wachter mit der "Kraichgau-Fanfare" des unvergessenen Dirigenten Eberhard Demleitner nostalgisch an die Siebziger Jahre erinnerten. Damals erspielte man sich mit diesem Paradestück bei einem Wettbewerb in Bad Homburg den Deutschland-Pokal und damit den Titel eines Deutschen Meisters. Seitdem sind mehr als drei Jahrzehnte ins Land gegangen, und die Verantwortlichen des Kraichgau-Fanfarenzugs haben rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und sich für die Zweigleisigkeit in der Musik entschieden: Nach wie vor pflegt man die historische Spielmanns- und Landsknechtsmusik, aber man geht auch neue Wege, denn der Klangkörper hat sich seit einem Jahrzehnt zu einer modernen, in die Zukunft gerichteten Brass-Band gemausert, die mit diesem Werner-Klefenz-Gedächtnis-Konzert wieder einen Riesenschritt in Richtung Spitzenklasse getan hat.
Doch zunächst sprachen sowohl der 1. Vorsitzende des Kraichgau-Fanfarenzugs, Thomas Palatschek wie auch Bürgermeister Karl Klein Worte des Gedenkens. Palatschek rief die Lebensdaten des Verstorbenen ins Gedächtnis zurück und dankte dem so früh Verstorbenen für seine unermüdliche Mitarbeit, für seine unerschütterliche Treue, für sein Vorbild an Pflichterfüllung und gelebter Kameradschaft, für seine Bereitschaft, mit Rat und Tat zu helfen. "Werner Klefenz bleibt uns unvergessen", so Bürgermeister Karl Klein in seiner Gedenkansprache. Er würdigte die "unglaubliche Lebensleistung" des Verstorbenen für den Verein und für Mühlhausen. Als "Vater des Kraichgau-Fanfarenzugs" habe er in den vielen Jahrzehnten seines Wirkens den Verein "zur vollen Blüte geführt".
Nun kam die Bewährungsprobe für die Brass-Band und ihren Dirigenten Stefan Salzinger. Der musikalische Leiter ist ein Vollblutmusiker, der zwei wichtige Voraussetzungen für den musikalischen Erfolg auf sich vereint: Zum einen besitzt er spürbar Führungsqualitäten, wenn er seinem Blasorchester die gewünschte Marschrichtung gibt, zum anderen kommt ihm zugute, dass er seine Solotrompete wie kaum ein zweiter beherrscht. Natürlich bietet dieser Schritt in Richtung Brass-Band ganz neue Perspektiven und verbreitert die Palette der musikalischen Möglichkeiten um ein Vielfaches. Gerade darin lag die Qualität und Stärke dieses Konzerts, dass man sich in einem weiten konzertanten Bogen durch die Jahrhunderte hindurchspielte, vom Barock bis zur Moderne. Aber auch um den halben Globus führte die musikalische Weltreise. So waren Deutschland, Österreich, Tschechien, Frankreich, England, Italien, Schweden und die USA musikalische Haltepunkte.
Reisebegleiter waren Monika und Klaus Creter, die als Duo charmant durch das Programm führten, historische Fakten und Hintergründe lieferten, Anekdoten beisteuerten und so ganz nebenbei das Publikum auf den nächsten Programmpunkt einstimmten. Welches zeitliche und musikalische Engagement hinter zwei Stunden anspruchsvoller Musik liegt, kann sicher nur der erahnen, der selbst musiziert. So gebührt ein weiteres Kompliment dem vierzigköpfigen Klangkörper, der jene Begeisterungsfähigkeit besitzt, die eine weitere Steigerung mit Blick auf das bevorstehende 50jährige Vereinsjubiläum erwarten lässt.
So recht zum Winterzauber draußen passte der vierte Satz aus Antonio Vivaldis berühmtem Werk "Vier Jahreszeiten", das ein lautmalerisches Tongemälde des Winters zeichnet. Diese durch Thomas Palatschek bearbeitete Rockversion überzeugte durch warmen Ton und runden Klang. Das dreiteilige Musikstück "Spiritual Sound" spiegelt ganz die tiefe religiöse Verwurzelung der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf der einen Seite und ihre spontane Lebensfreude auf der anderen Seite wider. So wechseln meditative, choralähnliche Passagen mit streng rhythmisch-überschwänglichen Teilen. Spirituals wie "Joshua fligth the battle of Jericho", "Swing low" und "Nobody knows" werden im modernen Arrangement des Schweizer Komponisten Alan Fernle geboten, wobei das Orchester bewusst dynamische Akzente setzt vom feinen Piano bis zum kräftigen Fortissimo. Bei der Gestaltung der drei Teile wird geschickt das Tempo verzögert, um dann wieder temperamentvoll zu beschleunigen.
Gerne bezeichnet man den Barockmeister Johann Sebastian Bach als den größten Tonschöpfer aller Zeiten. Seine "Toccata für Orgel D-Moll" zählt zu seinen bekanntesten Werken. Das Orgelwerk in Rockversion zu hören, erweckt Neugier, ob man den "alten Bach" derart verbiegen darf. Doch die Bearbeitung überzeugt vom Unisono der Bläser zu Beginn über die schnellen Sechzehntelläufe im Fugenteil bis zum gewaltig sich auftürmenden Schlussakkord. Die Ouvertüre zur Operette "Leichte Kavallerie" des österreichischen Komponisten Franz von Suppè setzt einen letzten musikalischen Farbtupfer auf einen sehr anspruchsvollen ersten Programmteil. Hier dürfen die Trompeter mit ihren strahlenden Instrumenten Akzente setzen bei der festlichen Einleitung und beim flotten Zwischensatz, bei dem der Pferdetrab rhythmisch nachgeahmt wird.
Auf der beschwingt volkstümlichen Welle bewegt man sich nach der musikalischen Halbzeitpause und startet recht flott mit "Tijuana Taxi" von Peter Fihn. Quer durch alle Register besitzt der Kraichgau-Fanfarenzug nicht nur Musiker mit einem ausgeprägten Teamgeist, die sich dem Ganzen ein- und unterordnen, sondern auch vorzügliche Solisten. Allen voran wäre hier Dirigent Stefan Salzinger zu nennen, der in der Rockballade "The power of love" durch guten Ansatz und virtuoses Spiel bis in höchste Lagen besticht. Dieses Solostück gehört ohne Zweifel sowohl technisch wie auch musikalisch zu den beachtlichsten solistischen Leistungen dieses Konzertabends. In diesem Werk ist alles verpackt, was die Trompete zu leisten vermag, vom schmetternden Metallklang bis hin zum weichen Sound, der zu Herzen geht. Armin Sogl (Trompete) und Helmut Rühl Tenorhorn) sind anschließend die Solisten in einem Beatlesmedley mit weltbekannten Titeln wie "Yellow Submarine", "A hart days night", "Yesterday" und "Let ist be". Auf sehr besinnliche Weise trägt Volker Wachter auf seinem Tenorhorn das berühmte "Ave Maria" von Bach/Gounod vor, sehr dezent begleitet vom Orchester.
"Arrival" ist ein Hit der schwedischen Popgruppe "ABBA", geschrieben für die Hochzeit des schwedischen Königs Gustav und seiner deutschen Ehefrau Silvia. Perfekt interpretiert und künstlerisch ausgereift vorgetragen wird es von Armin Sogl auf einem eher selten gespielten Instrument, einer Piccolo-Trompete. Themen aus der Oper "Wilhelm Tell" verwendet der Komponist Johny Ocean für sein Werk "Swinging Rossini". Hier wird überzeugend deutlich: Dieses Orchester geht seinen eigenen Weg, es vertritt nicht den Typus irgendeines Blasorchesters, sondern hat sich so etwas wie seinen eigenen, ganz spezifischen Klangcharakter zugelegt. Es ist eine gute Mischung aus unbeschwerter, naturfrischer Musikalität und konzentriertem Übungseifer, verbunden mit der Bereitschaft, dem Dirigenten uneingeschränkt zu folgen.
In der Filmmusik "Das Lied vom Tod" von Enrico Morricone kommen Christian Körner und seine Trompete solistisch vorzüglich zur Geltung. Recht ungewöhnlich ist die Kombination von Ragtime und Tuba. Thomas Palatschek und Bernhard Bös lösen dieses Problem bei "Entertainer" mit Bravour und flinker Fingertechnik Gut Gelingt es ihnen dabei, alle Höhen und Tiefen ihres Instruments auszuloten. Das Trompeten-Quartett mit Stefan Salzinger, Armin Sogl, Christian Körner und Jan Robert Bonn bestreitet das volkstümliche Finale mit "Du bist wunderschön" von Adam Hudec. Mit ihrem Werner-Klefenz-Gedächtnis-Konzert haben die Musikanten des Kraichgau-Fanfarenzugs große Begeisterung entfacht, die sich bei den Zugaben noch steigerte. Dank und Bewunderung geht zu gleichen Teilen an die Brass-Band und ihren Dirigenten Stefan Salzinger. Eine Spende über 300 Euro überreichte der 1. Vorsitzende Thomas Palatschek an Bürgermeister Karl Klein. Das Geld geht über das Deutsche Rote Kreuz an ein Kinderkrankenhaus in Thailand.
[R.Kramer] |
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