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Festansprache 50 Jahre Kraichgau Fanfarenzug Mühlhausen
Gehalten von Rudi Kramer am 17. Juni 2006

Hier finden Sie die Bilder unserer Jubiläumsfeier:
"Musik ist die Welt umfassende Sprache der Menschheit. Sie verbindet uns mit
unsichtbaren Fäden", mit diesen Worten umschreibt der Walzerkönig Johann
Strauß die Bedeutung der Musik. Und der bekannte Komponist Willibald Gluck
geht noch mehr in die Tiefe, wenn er schreibt: "Musik ist eines der
stärksten Mittel, das Herz zu bewegen und Gefühle zu wecken"
Meine sehr geehrten Damen und Herren, werte Festgäste, liebe Freunde des
Kraichgau Fanfarenzugs. Unser Musterländle Baden-Württemberg gilt nicht nur
als die arbeitsfreudigste Gegend auf unserem Globus unter dem Motto
"Schaffe, schaffe, Häusle baue", es ist auch das musizier- und
sangesfreudigste Land. Denn auch hier sind wir unschlagbare Spitze: Weit
mehr als die Hälfte aller Laienmusiker der Bundesrepublik sind Bürger
unseres Landes. Das kulturelle und gesellschaftliche Leben verdankt den
Musikvereinen und Chorgemeinschaften viel. Was wäre unsere Gemeinde ohne
ihre musizierenden Vereine, ohne Fanfarenzug, Musikverein, ohne ihre Chöre.
Wie arm wären wir dran im kulturellen Bereich. Welches Fest, welche Feier,
welche Trauerfeier läuft heute ohne musikalische Umrahmung? Musik gehört
einfach dazu, sie wird zur Selbstverständlichkeit. Wissen wir das noch zu
schätzen? Sicher wäre es angebracht, all jenen Männern und Frauen einmal ein
herzliches Dankeschön zu sagen, die einen Teil ihrer Freizeit opfern, um ein
Hobby zu pflegen, aber auch, wie es Willibald Gluck formulierte, unser Herz
zum Schwingen zu bringen.
Heute, da sich unser Kraichgau Fanfarenzug anschickt, auf den Tag genau,
seinen 50. Geburtstag zu feiern, vital, in den besten Jahren, voll neuer
Ideen, mit einer engagierten Vorstandschaft, einem ausgezeichneten
Dirigenten und einem harmonischen Klangkörper - heute möchte ich ein wenig
blättern im spannenden Geschichtsbuch des Kraichgau Fanfarenzugs. Damals vor
50 Jahren hätte ich mir als 15-jähriger Jugendlicher sicher nicht träumen
lassen, dass ich 50 Jahre später an dieser Stelle stehen und die Festrede
halten würde. Es war nämlich in den Osterferien 1956. Wie so oft war ich
Feriengast bei meinen Großeltern in der Bäckerei, beim Xander-Bäcker, wie
man Großvater damals nannte. Heute waren wir im Gewann Sechsmorgen
unterwegs, um Frühkartoffeln zu stecken. Auf dem Heimweg hatte Großvaters
Leiterwagen immer eine eigentümliche Gewohnheit. Vor dem Gasthaus zum Lamm
bremste das Wägelchen automatisch. Für mich war das dann ein Fest, denn
Großvater bestellte einen halben Ring Lyonerwurst und ich bekam einen
schmalen Zipfel davon. Am Tisch daneben saßen vier bis fünf junge Männer,
nicht viel älter als ich. Jeder hatten einen halben Bier vor sich stehen -
und jetzt hören Sie gut zu - sie diskutierten über einen neuen Verein, der
demnächst gegründet werden sollte. Es ging schon ziemlich laut zu an diesem
Tisch nebenan und Großvater spitzte die Ohren. Er musste ja in seiner
Backstube über das Ortsgeschehen Bescheid wissen und er hörte etwas wie
"Fanfaren". So wurde ich damals ganz zufällig Ohrenzeuge, dass demnächst ein
Kind mit Namen "Fanfarenzug" aus der Taufe gehoben werden sollte.
Was ich damals so am Rande mitgehört hatte, wurde am 17. Juni, also heute
vor 50 Jahren Wirklichkeit: 18 Aktive und sechs Lehrlinge gründeten den
Fanfarenzug Mühlhausen und feierten dann im August das Gründungsfest. Mit
einer riesigen Begeisterung ging man ans Werk, und brachte deswegen auch
große persönliche und finanzielle Opfer. Die Instrumente bezahlte jeder
selbst: Die Fanfare kostete 65, die Trommel 105 Mark. Die Uniformen kaufte
man mit dem Erlös aus dem Gründungsfest. Auf recht drastische Art nahm man
Abschied vom Vorgängerverein, dem Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr.
Aus Brettern zimmerte man einen Sarg, verstaute darin die alten Uniformen
und Instrumente und zog in einer Aufsehen erregenden Prozession durchs Dorf.
Symbolisch wollte man den alten Verein beerdigen.
Etwas haben die Musiker aber von der Freiwilligen Feuerwehr in den neuen
Verein hinübergerettet, das Musizieren und das Löschen. Denn wie hätte es
sonst passieren können, dass nach einem Auftritt bei der Eschelbacher Kerwe
ein Autofahrer auf seiner Heimfahrt nach Mühlhausen plötzlich vor dem Schild
"Autobahn Heilbronn-Stuttgart" auf der Autobahn in Richtung Heilbronn stand.
Oder dass nach dem Hornberger Schießen zu nächtlicher Stunde ein Musikant
den Haustürschlüssel bei seinen Gästen ins Schlüsselloch steckte. Er passte
einfach nicht. Sollte er vielleicht die Nacht im Freien verbringen? Unser
Freund war schlau und probierte den Schlüssel mit Erfolg im Nachbarhaus.
Überhaupt schlägt so manche Musikerherz höher, wenn das Stichwort "Hornberg"
fällt. Waren es vielleicht die hübschen Schwarzwaldmädels oder der eigene
Fanclub, der sonntags nachreiste, um die Musiker beim Festzug anzufeuern.
Ja, einmal ging dem Fanbus das Pulver aus wie den Hornberger Rittern beim
Schießen. Alle stiegen aus und schoben den Bus ein Stück in Richtung
Hornberg. Ja, meine lieben Gäste, warum ich Ihnen das erzähle. Da gab es
noch Begeisterung. Sind wir doch einmal ehrlich. Manchmal könnten wir in
unseren Vereinen etwas von diesem damaligen Schwung gut gebrauchen.
Nach der Gründung dauerte es dann 12 Jahre, bis man sich den Traum vom
eigenen Heim verwirklichen konnte. Zunächst probte man im altehrwürdigen
Gasthaus zum Lamm, dann im Saal der Reichpost, dann im alten Eis- und
Bierkeller der Reichspost, im Kraichgaukeller. Mit Hilfe der Gemeinde, der
Aktion Bausteine und vor allem mit eigener Muskelkraft und großem Eifer
entstanden das Fanfarenhaus und später die Landsknechtsstube. Ziel war es,
die vielfältigen Arbeiten in unzähligen Arbeitsstunden selbst zu erledigen,
denn Reichtümer besaß der junge Verein nicht, aber viel Idealismus.
Im Grundstein des Fanfarenhauses ruht eine Urkunde. Auf ihr sind die Ziele
des Vereins beschrieben: Musikalische Leistung, Pflege der Kameradschaft,
Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens. Zur musikalischen Leistung:
Viele Male zogen die siegreichen Fanfaren mit ihren gewonnenen Pokalen
lautstark im Dorf ein: Europa-Pokal, Deutschland-Pokal, Tagesbestleistungen,
um nur die wichtigsten zu nennen. Die gefüllten Vitrinen im Fanfarenhaus
erzählen von weiteren Erfolgsgeschichten. Aber es gab auch musikalische
Schrecksekunden. Mit der Musikkapelle St. Leon wollte man gemeinsam den
Ferbelliner Reitermarsch und anschließend die Kreuzritter-Fanfare
präsentieren. Künstlerpech war nur, das Mühlhausen die Noten vom Ferbelliner
und St. Leon zuerst die Noten vom Kreuzritter aufgelegt hatte. Dann begann
das gemeinsame Spiel. Man brauchte schon gute Nerven, um bis zum bitteren
Ende durchzuhalten. Wer zuerst mit seinem Stück fertig war, ist leider nicht
überliefert. Aber Karl Rühl kommt heute noch ins Schwitzen, wenn er nur
daran denkt.
In all den 50 Jahren war der Kraichgau Fanfarenzug ein belebendes Element im
gesellschaftlichen Leben unserer Gemeinde. Besonders beliebt waren die
Theaterabende in der Bernhardushalle. Sie waren spannender und
unterhaltsamer als mancher Fernsehabend heute. Ich selbst erinnere mich noch
gut an die Oper "Freischütz", bei der ich 1958 als junger Pianist in einem
kleinen Orchester mitwirken durfte. Besonders gern erinnere ich mich an die
hübschen Brautjungfern und ihr Lied "Wir winden dir den Jungfernkranz". Das
große Schützenfest steigt dann im dritten Akt, als Graf Ottokar eine weiße
Taube für den Probeschuss von Max auswählt. Max verfehlt die Taube und Graf
Ottokar die Treppenstufe auf der Bühne der Bernhardushalle, weil man
offenbar bereits hinter der Bühne kräftig gefeiert hatte.
Einen wesentlichen Beitrag leistete der Kraichgau Fanfarenzug, um die Kerwe
wieder zu beleben. Als nämlich das Fest der Feste von Martini auf den ersten
Oktobersonntag vorverlegt wurde, waren es die Fanfarenzügler, die diese alte
Tradition aufleben ließen. Eine sehr originelle Idee war es, eine Bimmelbahn
zu basteln, um die Kerweschlumpel im feierlichen Zug durch die Straßen zum
Ratshausplatz zu fahren. Aus diesem zaghaften Neuanfang entwickelte sich das
wohl bedeutendste Fest unserer Dorfgemeinschaft, die Mühlhäuser Wein- und
Straßenkerwe. Sehr beliebt waren auch die Fastnachtsveranstaltungen,
beginnend 1962 mit einem Schwarz-Weiß-Maskenball in der Reichpost,
fortgesetzt bis 1989 mit den vereinseigenen Prunksitzungen in dieser Halle.
Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben des Vereins und der Gemeinde waren
sicher die Jubiläen, die Geburtstage des Vereins, die gebührend gefeiert
wurden: Nach 10 Jahren das 11. Südwestdeutsche Fanfarentreffen, zum 25.
Geburtstag der Wettstreit um den Kraichgau-Goldpokal, 1986 die Deutsche
Seniorenmeisterschaft für Fanfarenzüge, 1991 die deutsche
Jugendmeisterschaft mit über 1200 jungen Musikern aus dem ganzen
Bundesgebiet. Nicht vergessen möchte ich unter den gesellschaftlichen
Ereignissen das jährlich wiederkehrende Sommerfest "Unter den Linden".
Wenn sich der Kraichgau-Fanfarenzug in diesen 50 Jahren so gut entwickelt
hat, dann verdankt er dies dem Wirken seiner Verantwortlichen und der
Mitarbeit jedes einzelnen. So war Karl Rühl der Mann der ersten Stunde, der
in seiner Doppelfunktion als Vorsitzender und musikalischer Leiter wertvolle
Aufbauarbeit leistete. Zu Höchstleistungen im Bereich "Reine Fanfarenmusik"
führte Ehrendirigent Wolfgang Knopf seine Mannen. Ehrungen auf allen Ebenen
durfte er dafür entgegennehmen. Innehalten mit einem stillen Gedenken wollen
wir heute Abend für unseren Ehrenvorsitzenden Werner Klefenz. Wie groß
war seine Vorfreude auf dieses Jubiläum. Von 1960 bis 1985 diente er mit
großem Verantwortungsbewusstsein seinem Verein als 1. Vorsitzender, weniger
als Präsident, vielmehr als "Mädchen für alles", im besten Sinne des Wortes.
Eberhard Demleitner, der allzu früh verstorbene musikalische Leiter, führte
den Fanfarenzug musikalisch in Deutschland an die Spitze. Da brauchte man
keinen Vergleich mit den ganz großen Fanfarenzügen zu fürchten. Ehrenbürger
und Ehrenmitglied Josef Maier, unser Mann in Bonn, hat sich große Verdienste
um den Verein erworben. Stefan Salzinger - unser Solotrompeter am
Dirigentenpult. Er hat nach der Umstellung auf B-Instrumente das Orchester
zu einem Klangkörper entwickelt, das in der Lage ist, anspruchsvolle Musik
in einer Bandbreite von Barock, Klassik über Volksmusik bis hin zur Moderne
zu bieten.
Als musikalische Botschafter des Kraichgaus machten sich die Fanfaren in den
50 Jahren einen hervorragenden Namen. Vom Bonner Karneval über das
Cannstatter Volksfest bis zum Münchner Oktoberfest gibt es nur wenige
volkstümliche Feste, die in der Sammlung des Kraichgau-Fanfarenzugs fehlen.
Noch wichtiger als die musikalischen Reisen durch Deutschland waren sicher
die freundschaftlichen Beziehungen zum Ausland. So knüpfte man schon 1962
Freundschaften nach Frankreich: Mulhouse, Remiremont, Chalon, Dijon und zur
späteren Partnergemeinde St. Etienne de Montluc. In Chalon bereute man es
bald, dass man die Frauen mitgenommen hatte. Die wurden nämlich in einem
Hotel einquartiert, während die armen Musikanten in der Jugendherberge
nächtigen mussten und dort die ganze Nacht von Wanzen und Flöhen geplagt
wurden. Besser erging es den Musikanten bei der Folklore-Olympiade in Dijon,
an der mehr als 70 Gruppen aus 26 Nationen teilnahmen. Der glückliche Zufall
wollte es, dass die Mühlhausener Fanfaren neben einer Gruppe aus dem Nahen
Osten speiste, alles Muslime, welche den aufgetischten Wein aus religiösen
Gründen nicht anrührten. Diese zusätzliche Weinprobe ließen sich die
Fanfarenzügler nicht entgehen.
"Das können nur hart gesottene Landsknechte ertragen", das war die
einhellige Meinung, als die Musikanten nach über 6000 Kilometer Busfahrt
über Autobahn, Landstraße, Feldwege, Pässe, Schluchten, steile Abfahrten,
Serpentinen nach elf anstrengenden Tagen, von denen man fast sechs Tage im
Bus verbrachte, wieder heil in Mühlhausen ankam. Ich meine die wohl
abenteuerlichste Reise des Fanfarenzugs zum internationalen Inselfestival im
griechischen Lefkas, der Insel des reichen Reeders Onassis. Im
jugoslawischen Bergland heulten nachts die Wölfe, an kritischen Stellen
musste man aussteigen, um mit vereinten Kräften den Bus umzudrehen. Kein
Wunder, dass man zu spät in Lefkas ankam. Gefeiert wurde trotzdem. Man
erlebte südländische Begeisterung und eine überschwängliche Herzlichkeit. Es
gibt ein Gerücht, auf der kleinen Insel sei damals der Alkohol ausgegangen.
Völlig unerwartet erreichte die Landsknechte die Einladung zur
Steuben-Parade nach New York mit einer Rundreise durch die USA und Kanada.
Die Teilnahme an der Parade war wohl das denkwürdigste Ereignis in der
Geschichte des Kraichgau Fanfarenzugs. Es war eine gigantische Heerschau von
Musikgruppen, Trachtenzügen und Festwagen in all ihrer Farbenpracht.
Einquartiert war man im abbruchreifen Hotel "Wellington". Da funktionierte
so manches nicht mehr. So machten sich auch einige Handwerker aus Mühlhausen
an die Reparatur der Klimaanlage ihres Zimmers im 29. Stockwerk. Sie war an
der Außenwand befestigt und nach wenigen fachmännischen Handgriffen löste
sie sich aus der Verankerung und stürzte in die Tiefe. Unten stand Gott sei
Dank niemand. Das entstandene Loch wurde für diese Nacht mit einem Teppich
verhängt Das Beste am ganzen Hotel war noch das Frühstücksbuffet. Das wurde
von den hungrigen Männern aus Mühlhausen abgeräumt, bevor andere
Musikgruppen nur ans Aufstehen dachten. Ein absoluter Hit auf der
USA-Tournee war das Lied: "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren". Es
wird berichtet, die amerikanischen Frauen hätten mit Tränen in den Augen
zugehört. Eine hätte sogar, der Ohnmacht nahe, ausgerufen: Oh what a
wunderful German music! Aber Spaß beiseite: Unser Kraichgau-Fanfarenzug
wurde durch sein tadelloses Auftreten und Musizieren in den Gastländern zu
echten Botschaftern des Friedens, der Freundschaft und der Versöhnung mit
diesen Völkern.
Man braucht schon einen guten Draht nach oben, wenn man vor Kanzlern und
Präsidenten seine musikalische Aufwartung machen will. Diesen heißen Draht
besaß Josef Maier, bis zu seiner Pensionierung für die persönliche
Sicherheit des Bundespräsidenten zuständig. Seinen Bemühungen war es zu
verdanken, dass der Fanfarenzug dem 1. Kanzler der Bundesrepublik
Deutschland, Konrad Adenauer in Rhöndorf, in sehr herzlicher Atmosphäre ein
Ständchen spielen durfte. Ein besonderer Freund der Frauen dürfte Adenauer
nicht gewesen sein; denn zum musikalischen Auftritt waren nur Männer
zugelassen, alles Weibliche musste unten warten, einzige Ausnahme, das
Maskottchen des Vereins, das Pony "Teddy". Es folgten später Besuche beim
Alt-Bundespräsidenten Heinrich Lübke, Bundeskanzler Willy Brandt, bei den
Bundespräsidenten Gustav Heinemann und Karl Carstens. Es war ein bewegender
Moment, als der scheidende Bundespräsident Heinemann beim Lied "Ich hab
mein Herz in Heidelberg verloren" selbst zum Taktstock griff.
Meine lieben Zuhörer. Für die Jubiläumsfeierlichkeiten haben die
Verantwortlichen ein wunderbares Motto gewählt "Menschen, Momente, Musik".
Ich habe ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige Höhepunkte davon
beleuchtet. Doch spannen wir kurz den Bogen zurück in das Jahr 1956. Wie
haben sich doch die Probleme verschoben. Heute plagen uns andere Sorgen als
damals: Wohlstand, Überfluss, Mangel an Zeit, Überangebot an Unterhaltung,
Egoismus, Mangel an Einsatzbereitschaft. Manche Probleme aber sind zeitlos:
Arbeitslosigkeit, soziale und seelische Not. Nicht vergessen möchte ich den
um sich greifenden Bazillus "Fahnenflucht". Beim geringsten Ärger mit meinem
Verein oder einem Kameraden werfe ich die Flinte ins Korn, zu Deutsch werfe
ich die Trompete in die Ecke und verabschiede mich, werde im übertragenen
Sinn zur "Ich-AG".
Aber, meine lieben Zuhörer, es geht auch umgekehrt. Immer mehr, vor allem
auch junge Leute sind es heute leid, nur noch von fremder Musik
dauerberieselt zu werden und Musik aus der Konserve zu erleben. Sie wollen
selber Musik machen, etwas gestalten, schöpferisch tätig sein. Hier in
unserer Halle sitzen Musterbeispiele hierfür, die Musikerinnen und Musiker
unseres Jubelvereins. Ein ganz persönliches Wort an euch, liebe Musikerinnen
und Musiker. Sicher spürt ihr ab und zu die Freude, im Team Musik zu machen,
wohlgemerkt die eigene Musik, die man gemeinsam erarbeitet, deren
Geheimnisse man verstanden, deren Schwierigkeiten man erfahren, deren
Schönheit man neu erlebt hat. Wie motivierend kann es dann sein, wenn euch
dann, wie beim Jubiläumskonzert der verdiente Beifall entgegenbrandet. Dies
soll euch Ansporn sein, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. Stillstand
bedeutet Rückschritt. Und diesen Luxus solltet ihr euch nicht leisten!
Deshalb lautet unser Wunsch an euch: Macht auf dieser Linie weiter.
Meine lieben Zuhörer! Unser Kraichgau Fanfarenzug gehört zu unserer Heimat
Mühlhausen, und das schon seit 50 Jahren. Auch in der Musik, die heute Abend
hier erklingt, steckt ein Stück unserer Heimat. Aber dies ist kein
einseitiges Plädoyer für die traditionelle Fanfanrenmusik. Heute hat unser
Kraichgau Fanfarenzug einen weitaus umfassenderen Auftrag. Er hat sich
geöffnet für neue Wege, für moderne Blasmusik in der Brass Band. Wer diese
Öffnung zu neuen Ufern verpasst, verliert den Anschluss und damit auch die
Jugend. Deshalb mein Ratschlag: Bewahrt die Tradition und öffnet euch auch
weiterhin für das Moderne.
Wir können aber diese Musik nur in die Zukunft weitergeben, wenn wir sie
hier und heute bewusst bewahren und pflegen, und zwar wechselseitig, Sie als
dankbare Zuhörer, ihr als begeisterungsfähige Aktive. Wenn nicht mehr
musiziert wird, ist die Musik schnell vergessen, verklungen, verloren, und
damit ein Stück Kultur und Charakter unseres Dorfes, unserer Heimat. Und
damit stirbt letztendlich auch ein Stück von uns selbst. Dass diese negative
Vision nie Wirklichkeit wird, dafür tragen wir eine große Verantwortung, wir
als Publikum und ihr, die Musizierenden.
Es stimmt mich für die Zukunft optimistisch, wenn ich diese schlagkräftige,
mit Begeisterung musizierende Mannschaft sehe. Wir können euch, liebe
Musikanten nur herzlich danken, dass ihr die Mühe auf euch nehmt, um dieses
Können zu erwerben, das die Musik in unserer Gemeinde bewahrt und weiter
trägt. In diesem Sinne darf ich mich zum Sprecher aller Festgäste machen und
unserem Kraichgau Fanfarenzug weitere gute, erfolgreiche und harmonische
Jahre wünschen.
Wie recht hat doch Walzerkönig Johann Strauß, wenn er sagt: "Musik ist die
umfassende Sprache der Menschheit. Sie verbindet uns mit unsichtbaren
Fäden". Möge sie uns nicht nur heute Abend, sondern auch in der Zukunft
verbinden.
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